Vor rund 20 Jahren habe ich in den USA die Ausbildung zum E-Myth-Mastery-Coach gemacht. Eine Grundidee hat mich damals besonders beschäftigt – und sie ist heute noch genauso aktuell:
Viele Unternehmer beherrschen ihr Fach. Aber niemand hat ihnen beigebracht, Unternehmer zu sein.
Der Steuerberater versteht Steuern. Der Baumeister versteht das Bauen. Der Mechaniker versteht Autos. Doch sobald aus der fachlichen Tätigkeit ein Unternehmen wird, kommen plötzlich völlig andere Disziplinen hinzu: Finanzen, Cashflow, Kalkulation, Kundenverständnis, Marketing, Prozesse, Organisation, Mitarbeiterführung und Strategie.
Früher hatte ein Unternehmer im Wesentlichen drei Möglichkeiten: Er brachte sich diese Dinge selbst bei, stellte jemanden dafür ein oder holte sich Coaches und Spezialisten.
Heute gibt es eine vierte Möglichkeit: Er kann einen Teil dieser Arbeit gemeinsam mit künstlicher Intelligenz leisten.
KI ist mehr als ein Werkzeug zum Zeitsparen
Wenn wir über KI im Unternehmen sprechen, landen wir schnell bei Automatisierung: E-Mails schreiben, Texte erstellen, Informationen zusammenfassen oder Routinearbeiten beschleunigen. Das ist nützlich – aber möglicherweise nicht der größte Hebel.
Der größere Hebel könnte darin liegen, dass KI dem Unternehmer hilft, Unternehmertum besser zu lernen und zu trainieren.
Ein Unternehmer bekommt beispielsweise seine Bilanz, GuV oder Saldenliste. Früher musste er auf das nächste Gespräch mit dem Steuerberater warten oder sich selbst durch Fachliteratur arbeiten. Heute kann er sich Begriffe erklären lassen, Zusammenhänge hinterfragen, Szenarien durchspielen und anschließend sein eigenes Verständnis überprüfen lassen.
Die entscheidende Frage lautet also nicht nur: „Was kann die KI für mich erledigen?“
Sondern auch: „Was kann ich mit der KI lernen, verstehen und besser entscheiden?“
Vom Antworten zum gemeinsamen Denken
Ethan Mollick beschreibt diese neue Zusammenarbeit in Co-Intelligence als eine Form des gemeinsamen Arbeitens mit KI. Für Unternehmer ist das besonders interessant. Die KI muss nicht das Orakel sein, das auf jede Frage eine vermeintlich perfekte Antwort liefert. Sie kann Sparringspartner sein.
Beim Marketing könnte ich nicht einfach sagen: „Schreib mir einen Facebook-Post.“ Ich könnte mit der KI zuerst herausarbeiten: Wer ist mein Kunde? Welches Problem löse ich tatsächlich? Warum sollte er gerade bei mir kaufen? Welche meiner Annahmen sind vielleicht falsch?
Bei einer Investition kann ich meine Annahmen angreifen lassen. Vor einem schwierigen Mitarbeitergespräch kann ich verschiedene Reaktionen simulieren. Bei meinen Unternehmenszahlen kann ich mir Fragen stellen lassen, bis klar wird, ob ich sie wirklich verstanden habe.
KI wird damit vom Antwortautomaten zum Trainingspartner.
Der Unternehmer braucht ein Dōjō
Dieser Gedanke führt zu einer Frage, die mich schon länger beschäftigt: Ein Sportler trainiert. Ein Handwerker übt sein Handwerk. Ein Musiker spielt nicht nur Konzerte, sondern verbringt unzählige Stunden beim Üben.
Aber wo trainiert eigentlich ein Unternehmer Unternehmertum?
Anders Ericsson hat in seiner Forschung zu Expertise gezeigt, wie wichtig gezieltes Üben, unmittelbares Feedback und die Arbeit an konkreten Schwächen für die Entwicklung hoher Leistungsfähigkeit sind. Genau dieses Prinzip lässt sich auch auf Unternehmertum übertragen.
Ich nenne diesen Trainingsraum das Dōjō für Unternehmer.
Dort muss nicht jede Idee sofort Konsequenzen im realen Unternehmen haben. Ich kann eine Preisverhandlung simulieren. Ein schwieriges Kundengespräch trainieren. Eine Investitionsentscheidung verteidigen. Eine neue Organisationsstruktur durchspielen. Meine Kalkulation erklären und Gegenfragen beantworten.
Learn → Understand → Practice → Apply → Prove → Reflect.
Wissen erwerben. Verstehen. Üben. Im Unternehmen anwenden. Ergebnisse überprüfen. Reflektieren. Und dann die nächste Runde beginnen.
Arbeit dokumentieren, während sie entsteht
KI verändert aber nicht nur das Denken. Neue Interfaces verändern auch die Art, wie wir Unternehmenswissen erfassen.
Smart Glasses sind dafür ein gutes Beispiel. Ein Mitarbeiter kann einen Arbeitsprozess durchführen und ihn gleichzeitig per Kamera und Sprache dokumentieren: Was mache ich gerade? Warum mache ich diesen Schritt? Worauf muss ich achten? Wo treten typische Fehler auf?
Anschließend kann KI helfen, aus diesem Rohmaterial eine Prozessbeschreibung, Checkliste, Arbeitsanweisung oder Schulungsunterlage zu entwickeln.
Dokumentiere Arbeit während sie entsteht – nicht erst danach.
Das löst ein altes Problem vieler kleiner Unternehmen. Prozesse existieren häufig im Kopf einzelner Mitarbeiter. Ein Handbuch soll irgendwann geschrieben werden – und dieses „irgendwann“ kommt selten.
Kamera, Sprache und KI könnten diese Logik umdrehen: arbeiten → erfassen → strukturieren → prüfen → verbessern → trainieren.
Mit VR und Mixed Reality geht der Gedanke noch weiter. Ein dokumentierter Prozess könnte künftig nicht nur gelesen oder angesehen, sondern in einer Trainingsumgebung geübt werden.
Brauchen wir dann überhaupt noch Berater?
Ja. Aber ihre Rolle verändert sich.
Ein KI-System trägt keine unternehmerische Verantwortung und ersetzt nicht automatisch Steuerberater, Rechtsanwälte, Unternehmensberater oder erfahrene Mentoren. Gerade bei komplexen, haftungsrelevanten oder weitreichenden Entscheidungen bleibt qualifizierte menschliche Expertise entscheidend.
Aber für Grundlagenwissen, Vorbereitung, erste Analysen, Simulation, Dokumentation und tägliche Reflexion steht dem Unternehmer erstmals ein leistungsfähiger Sparringspartner praktisch jederzeit zur Verfügung.
KI ersetzt den Mentor nicht. Sie kann die Lücke zwischen zwei Mentoring-Sitzungen schließen.
Der menschliche Experte kann sich dadurch stärker auf das konzentrieren, was schwer automatisierbar ist: Erfahrung, Urteilskraft, Kontext, kritische Rückfragen und Verantwortung.
Unternehmensmeisterschaft im KI-Zeitalter
Vor rund 20 Jahren habe ich gelernt, Unternehmern systematisch Unternehmertum näherzubringen. Heute stellt sich für mich eine neue Frage: Wie müsste dieses Konzept aussehen, wenn wir es mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz neu denken?
Vielleicht braucht der Unternehmer der Zukunft nicht für jedes Problem sofort einen weiteren Berater.
Vielleicht braucht er eine strukturierte Lernumgebung, einen menschlichen Mentor für Orientierung und Reflexion und einen KI-Sparringspartner, mit dem er jeden Tag lernen, ausprobieren, dokumentieren und trainieren kann.
Dabei sollte das System nicht von einem bestimmten KI-Modell abhängen. Modelle werden besser und wechseln. Entscheidend sind Methodik, Unternehmenswissen, Lernprozess und die Fähigkeit, unterschiedliche Werkzeuge sinnvoll einzusetzen.
Die eigentliche Kompetenz des Unternehmers könnte deshalb künftig darin bestehen, drei Dinge auseinanderhalten zu können:
Was muss ich selbst verstehen und beherrschen?
Was kann ich gemeinsam mit KI bearbeiten?
Wann brauche ich einen menschlichen Spezialisten?
Vielleicht ist genau das Unternehmensmeisterschaft im KI-Zeitalter: nicht alles selbst wissen zu müssen, sondern ein System zu schaffen, in dem Mensch und Maschine gemeinsam besser lernen, entscheiden und handeln.
Literatur
Gerber, Michael E.: The E-Myth Revisited: Why Most Small Businesses Don't Work and What to Do About It. HarperBusiness.
Mollick, Ethan: Co-Intelligence: Living and Working with AI. Portfolio, 2024.
Ericsson, Anders / Pool, Robert: Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Houghton Mifflin Harcourt, 2016.
Brown, Peter C. / Roediger III, Henry L. / McDaniel, Mark A.: Make It Stick: The Science of Successful Learning. Harvard University Press, 2014.
