Es gibt Tage, an denen ein Unternehmer ununterbrochen arbeitet – und am Abend genau dort steht, wo er am Morgen begonnen hat. Er hat über die schlechten Rahmenbedingungen gesprochen, Mitarbeitende kritisiert und deren Probleme schließlich selbst gelöst. Er war beschäftigt. Aber hat er etwas verändert?
Diese Frage beschäftigt mich, weil Aktivität nicht automatisch Gestaltung ist. Manchmal hält unsere Aktivität gerade jene Verhältnisse aufrecht, über die wir uns beklagen.
Drei Rollen, ein Kreislauf
Stephen Karpman beschrieb 1968 das Dramadreieck mit drei Rollen. Das Opfer erlebt sich als ausgeliefert: „Niemand übernimmt Verantwortung; ich kann nichts machen.“ Der Verfolger – umgangssprachlich oft Täter genannt – sucht Schuldige: „Meine Leute sind unfähig.“ Der Retter übernimmt Aufgaben anderer: „Bevor das schiefgeht, erledige ich es lieber selbst.“ Das sind situative Beziehungsmuster, keine Diagnosen oder festen Persönlichkeitstypen.
Ein Beispiel: Eine Führungskraft beklagt am Morgen fehlende Eigeninitiative. Mittags tadelt sie das Team. Am Nachmittag nimmt sie den Mitarbeitenden Entscheidungen ab. Abends sagt sie: „Ohne mich läuft nichts.“ Sie ist zwischen den Rollen gewechselt – und hat womöglich die Abhängigkeit verstärkt.
Die Falle der Scheinaktivität
Ich nenne das Scheinaktivität: Handlungen, die sich nach Einsatz anfühlen, aber keinen tragfähigen Fortschritt zum gewünschten Zustand schaffen. Auch die Erzählung, wie viel man selbst leistet, kann eine solche Funktion erfüllen. Nicht jede Klage ist Opferdenken und nicht jede Selbstbeschreibung Selbstrechtfertigung. Entscheidend ist, ob aus der Analyse eine Handlungsperspektive entsteht.
Ein Unternehmer, der unter Fachkräftemangel leidet, muss Ursachen benennen. Aber die Diagnose allein ersetzt keine Veränderung: Wie könnte er Ausbildung, Arbeitsbedingungen, Recruiting oder Prozesse anders gestalten?
Vom Opfer zum Creator
David Emeralds The Empowerment Dynamic stellt dem Dramadreieck drei Rollen gegenüber: Creator (Gestalter) statt Opfer, Challenger (Herausforderer) statt Verfolger und Coach statt Retter. Der Creator fragt nicht nur, wovon er wegmöchte, sondern wohin er will. Der Challenger spricht unbequeme Tatsachen respektvoll an. Der Coach hilft anderen, selbst Antworten zu entwickeln, statt ihnen die Verantwortung abzunehmen.
Mein Kernpunkt: Problembewusstsein ist notwendig. Problemfixierung blockiert. Lösungsorientierung öffnet Möglichkeiten. Gestaltung beginnt mit konkreten Schritten. Wer eine Stelle verlassen will, muss nicht zwingend schon den perfekten Zielberuf kennen. Aber er kann Möglichkeiten erkunden, Fähigkeiten entwickeln, Gespräche führen und Alternativen testen. Weg von etwas ist noch kein Plan für das, was danach kommt.
KI als Sparringspartner im Unternehmer-Dojo
Auch eine KI kann das Dramadreieck verstärken. Wer sich nur bestätigen lässt, wie ungerecht die Welt ist, bekommt womöglich eine eloquentere Rechtfertigung – aber keine bessere Entscheidung. Im Unternehmer-Dojo nutzen wir KI deshalb als Herausforderer und Coach, nicht als Retter oder Richter.
Eine Übung: Beschreibe der KI eine konkrete schwierige Situation und gib ihr folgenden Auftrag:
„Prüfe meine Darstellung kritisch. Welche Anzeichen von Opfer-, Verfolger- oder Retterdenken stecken darin? Welche Fakten fehlen? Was liegt in meinem Einflussbereich? Welche Zukunft will ich gestalten? Stelle mir unbequeme Fragen und hilf mir, einen überprüfbaren nächsten Schritt festzulegen. Bestätige mich nicht bloß.“
Die KI kann keine inneren Motive sicher erkennen. Sie bietet Hypothesen und Fragen, keine psychologische Diagnose. Die Entscheidung bleibt bei uns.
Die eigentliche Leistung
Ein Problem zu benennen ist der Anfang, nicht das Ziel. Wer gestalten will, muss Realität anerkennen, Alternativen entwickeln und handeln – auch wenn Erfolg nicht garantiert ist. Nicht der Ortswechsel befreit uns aus dem Dramadreieck, sondern der Rollenwechsel.
Learn. Apply. Prove It.
Literatur und Quellen
Karpman, S. B. (1968). Fairy Tales and Script Drama Analysis. Transactional Analysis Bulletin, 7(26), 39–43.
Emerald, D. (2015). The Power of TED*: The Empowerment Dynamic (10th Anniversary Edition; erstmals 2005). Polaris Publishing. Verlagsinformation.
Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. DOI.
