In den letzten Wochen habe ich viel über Meisterschaft, Routinen, Dokumentation und gezieltes Üben nachgedacht. Dabei ist mir ein Fehler in meinem eigenen Modell aufgefallen: Ich habe Meisterschaft zu stark als permanente Verbesserung gedacht.

Als müsste man jeden Tag eine Fähigkeit auswählen, messen, analysieren und verbessern. Als wäre Stillstand automatisch Rückschritt.

Aber so funktioniert weder unser Körper noch nachhaltiges Lernen.

Auch Meisterschaft braucht Erholung

Beim Krafttraining ist das offensichtlich. Der Trainingsreiz allein macht uns nicht stärker. Die Anpassung findet in der Erholungsphase statt. Belastung und Regeneration gehören zusammen.

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„It is during the recovery period that the body adapts to the training stimulus.“

Grundprinzip der Trainingslehre; vgl. Bompa & Buzzichelli, 2019

Warum sollte das bei geistiger oder unternehmerischer Entwicklung völlig anders sein?

Es gibt Phasen, in denen ich gezielt aufbaue. Ich lerne, experimentiere, trainiere und erhöhe bewusst den Anspruch. Und dann gibt es Phasen, in denen ich mich setzen lassen muss.

Ich nenne das den Konsolidierungsmodus.

Das bedeutet nicht, dass ich aufgebe. Es bedeutet auch nicht, dass mir meine Entwicklung plötzlich egal ist. Es bedeutet, dass ich nicht zwanghaft den nächsten Optimierungspunkt erfinde, sondern prüfe: Was hat sich stabilisiert? Welche Routinen funktionieren? Was kostet noch unnötig Energie? Wo entsteht tatsächlich der nächste Engpass?

Hineinfühlen reicht allerdings nicht

Hier liegt eine Gefahr. „Ich bin gerade in einer Konsolidierungsphase“ kann sehr schnell zu einer eleganten Ausrede werden.

Deshalb reicht das subjektive Gefühl allein nicht. Ich muss mich beobachten. Was tue ich tatsächlich? Halte ich meine grundlegenden Routinen? Nutze ich meine Fähigkeiten? Entwickeln sich Probleme, die ich ignoriere?

Konsolidierung ist etwas anderes als Bequemlichkeit.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Verbessere ich mich heute? Sondern: Bereite ich mich auf den nächsten sinnvollen Entwicklungsschritt vor?

Die Konsolidierungsphase ist die Zeit, das Dojo zu bauen

Damit schließt sich für mich der Kreis zu meinem letzten Gedanken über das eigene Dōjō.

Ein Dōjō ist für mich nicht einfach ein schöner Arbeitsraum. Es ist eine bewusst konstruierte Trainingsumgebung. Dort kann ich Fähigkeiten wiederholen, beobachten, dokumentieren und verbessern.

Wenn ich gerade nicht weiß, welche Fähigkeit als Nächstes im Mittelpunkt stehen soll, muss ich nicht künstlich eine erfinden. Ich kann stattdessen meine Trainingsumgebung verbessern.

  • Ist das Whiteboard dort, wo ich es tatsächlich brauche?

  • Kann ich analog und digital dokumentieren?

  • Kann ich eine Übung mit Kamera aufnehmen und später analysieren?

  • Sind Laptop und KI ohne Reibungsverluste verfügbar?

  • Kann ich eine Simulation durchführen und anschließend ein Debrief machen?

  • Erzeugt die Umgebung die Wiederholungen, die mir die Realität zu selten liefert?

Damit wird die Konsolidierungsphase produktiv, ohne dass ich permanente Selbstoptimierung inszenieren muss.

Ein aktuelles Beispiel: Co-Intelligence-Coaching

Ich möchte meine Fähigkeiten im Co-Intelligence-Coaching weiterentwickeln. Gleichzeitig habe ich momentan noch nicht genügend reale Coachingfälle, um daraus eine regelmäßige Trainingspraxis zu machen.

Die falsche Konsequenz wäre: warten.

Die bessere Konsequenz ist: das Dōjō bauen.

Ich kann zunächst definieren, was ein guter Co-Intelligence-Coach überhaupt können muss: Probleme diagnostizieren, gute Fragen stellen, den Klienten selbst denken lassen, KI sinnvoll einbeziehen, Copy-Paste-Denken verhindern, Ziele operationalisieren und Fortschritt sichtbar machen.

Danach können typische Fälle simuliert werden. Die KI übernimmt unterschiedliche Rollen: einen Unternehmer ohne Fokus, einen Schüler ohne Lernroutine, jemanden mit einer Geschäftsidee oder einen Menschen, der KI zwar verwendet, aber sein eigenes Denken zunehmend auslagert.

Ich coache. Die KI reagiert. Die Session wird dokumentiert. Danach folgt das Debrief.

Wo habe ich zu viel gesprochen? Wo habe ich zu früh eine Lösung angeboten? Welche Frage hätte mehr Erkenntnis ausgelöst? Wo war die KI Verstärker menschlichen Denkens – und wo nur Krücke?

Damit entsteht aus jeder Simulation eine Trainingswiederholung.

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„Purposeful practice has well-defined, specific goals.“

Anders Ericsson & Robert Pool, Peak, 2016

Genau das unterscheidet Üben vom bloßen Arbeiten. Ericsson beschreibt deliberate practice als strukturierte Tätigkeit mit klaren Zielen, unmittelbarem Feedback und wiederholter Anpassung. Nicht jede Stunde Tätigkeit verbessert eine Fähigkeit automatisch.

Dokumentation bekommt damit einen anderen Zweck

Auch mein Blick auf Dokumentation verändert sich dadurch.

Dokumentieren um des Dokumentierens willen erzeugt vor allem Daten. Zeiterfassung allein macht mich nicht produktiver. Eine Liste meiner Tätigkeiten macht mich nicht automatisch besser.

Dokumentation wird für Meisterschaft erst interessant, wenn sie Teil einer Feedbackschleife wird:

Beobachten → dokumentieren → analysieren → gezielt trainieren → erneut beobachten.

Das passt auch zu Donald Schöns Idee des „reflective practitioner“: Professionelle Entwicklung entsteht nicht nur durch abstraktes Wissen, sondern durch systematische Reflexion über das eigene Handeln.

Vielleicht ist Meisterschaft zyklisch

Damit würde ich unser bisheriges Mastery-Modell erweitern.

Nicht:

immer lernen → immer üben → immer verbessern.

Sondern:

Aufbauen → anwenden → dokumentieren → konsolidieren → beobachten → Engpass erkennen → Dōjō vorbereiten → gezielt trainieren → erneut anwenden.

Dann beginnt der Zyklus von vorne.

Das erscheint mir realistischer. Und menschlicher.

Denn Meisterschaft bedeutet nicht, jeden Morgen mit dem Gefühl aufzuwachen, heute unbedingt besser werden zu müssen als gestern. Manchmal besteht der richtige nächste Schritt darin, das Erreichte zu stabilisieren, Abstand zu gewinnen und die Bedingungen für die nächste Entwicklungsphase zu schaffen.

Konsolidierung bedeutet nicht, das Training aufzugeben. Sie bedeutet, den nächsten Trainingszyklus vorzubereiten.

Die entscheidende Kontrollfrage

Es bleibt allerdings eine unangenehme Frage:

Bin ich wirklich in einer Konsolidierungsphase – oder nenne ich meinen Stillstand nur so?

Eine brauchbare Antwort darauf könnte erstaunlich einfach sein. Wenn ich meine Grundlagen halte, bewusst beobachte, mein System verbessere und den nächsten sinnvollen Trainingszyklus vorbereite, konsolidiere ich.

Wenn ich dagegen nichts mehr beobachte, nichts vorbereite und jeder Herausforderung ausweiche, habe ich wahrscheinlich nur ein angenehmes Wort für Stillstand gefunden.

Auch das gehört zu Meisterschaft: den Unterschied zu erkennen.

Literatur

  • Bompa, Tudor O.; Buzzichelli, Carlo (2019): Periodization: Theory and Methodology of Training. 6. Auflage. Human Kinetics.

  • Ericsson, K. Anders; Pool, Robert (2016): Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Houghton Mifflin Harcourt.

  • Schön, Donald A. (1983): The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action. Basic Books.

  • Kellmann, Michael et al. (2018): Recovery and Performance in Sport: Consensus Statement. International Journal of Sports Physiology and Performance, 13(2), 240–245.

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