Gestern haben wir begonnen, eine Idee konkreter zu machen, die mich schon länger beschäftigt: Wie könnte ein KI-gestütztes Dōjō für Unternehmer aussehen?

Ausgangspunkt war meine eigene Bibliothek. Dort stehen Bücher über Coaching, Ressourcenarbeit, Lernen, Psychologie, Strategie und persönliche Entwicklung. Die interessante Frage ist für mich inzwischen nicht mehr nur: Was kann ich aus diesen Büchern lernen?

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Können wir aus diesem Wissen eine Toolbox bauen, mit der eine KI erkennt, was ein Mensch gerade braucht?

Damit verändert sich die Rolle der KI. Sie soll nicht einfach möglichst schnell eine gute Antwort produzieren. Sie soll lernen zu unterscheiden, ob ich gerade eine Antwort, eine Frage, einen Perspektivwechsel, eine Übung, eine Simulation – oder vielleicht zunächst überhaupt keine Intervention brauche.

Vom Chatbot zum Dōjō-Meister

Das Idealbild erinnert an einen guten Trainer. Ein guter Karatelehrer erklärt seinem Schüler nicht bei jedem Fehler die gesamte Theorie. Er beobachtet. Vielleicht korrigiert er eine Bewegung. Vielleicht lässt er dieselbe Technik wiederholen. Vielleicht verändert er die Übung. Vielleicht lässt er den Schüler einfach weitermachen.

Entscheidend ist nicht nur die Größe seines Wissens. Entscheidend ist seine Fähigkeit, die richtige Intervention zur richtigen Zeit und in der richtigen Dosierung auszuwählen.

Eine erste Arbeitslogik dafür könnte lauten:

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Beobachten → diagnostizieren → Intervention auswählen → dosieren → durchführen → Wirkung prüfen → anpassen.

Das klingt zunächst einfach. Unser erster bewusster Test hat aber gezeigt, dass genau darin vermutlich die schwierigste Aufgabe steckt.

Der Meister braucht eine Toolbox

Aus den Büchern wollen wir deshalb keine einzelne Coachingtheorie ableiten. Im Gegenteil: Ein Dōjō-Meister, der nur eine Methode beherrscht, wird zwangsläufig versuchen, jedes Problem mit dieser Methode zu lösen.

Wir brauchen unterschiedliche Werkzeuge für unterschiedliche Situationen.

Sokratisches Fragen

Die KI muss nicht immer antworten. Manchmal sollte sie Annahmen angreifen: Warum glaube ich das? Welche Evidenz habe ich? Was spricht dagegen? Was müsste wahr sein, damit meine Schlussfolgerung falsch ist?

Diese Form des Fragens knüpft an die sokratische Tradition an und ist gerade im unternehmerischen Kontext wertvoll: Nicht jedes Problem entsteht durch fehlendes Wissen. Viele entstehen durch ungeprüfte Annahmen.

Ressourcenarbeit: erst Möglichkeiten schaffen

Ein zweites Werkzeug ist Ressourcenarbeit. Welche Fähigkeiten, Erfahrungen, Kontakte, Werkzeuge und bereits vorhandenen Lösungen können genutzt werden?

Dabei ist mir ein Punkt besonders wichtig geworden: Ressourcenarbeit darf nicht vorschnell in ein Entweder-oder münden. Bevor wir entscheiden, sollten wir zunächst den Möglichkeitsraum erweitern.

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Erst Optionen erzeugen. Dann bewerten. Dann entscheiden.

Für Unternehmer ist das entscheidend. Wer sofort zwischen A und B entscheidet, übersieht möglicherweise C, D und E.

Perspektivwechsel und Reframing

Dasselbe Problem kann aus Sicht des Kunden, eines Mitarbeiters, eines Konkurrenten, eines Investors oder des eigenen zukünftigen Ichs völlig anders aussehen. Der Dōjō-Meister sollte deshalb gezielt Perspektiven wechseln können, statt die erste Problemdefinition als gegeben hinzunehmen.

Metaphern und Analogien

Auch Metaphern können Denkwerkzeuge sein. Das Dōjō selbst ist eine solche Metapher. Wir können fragen: Was würde ein Trainer tun? Wie würde ein Handwerker dieses Problem zerlegen? Wie würde ein militärischer Stab eine unübersichtliche Situation analysieren?

Der Zweck ist nicht sprachliche Schönheit. Eine gute Analogie verändert die Struktur, in der wir über ein Problem nachdenken.

Timeline- und Zukunftsarbeit

Wo möchte ich in einem Jahr stehen? Welche Entscheidungen müssten rückblickend gefallen sein? Welche Entwicklung würde ich bereuen? Welche Schritte müssen in den nächsten drei Monaten sichtbar werden?

Zukunftsarbeit kann abstrakte Wünsche in konkrete Handlungsfolgen übersetzen – solange sie nicht zu früh eingesetzt wird.

Simulationen und Wargames

Hier wird das Dōjō besonders interessant. Wissen allein genügt nicht. Ein Unternehmer sollte Entscheidungen unter veränderten Bedingungen trainieren können.

Wir können beispielsweise einen Liquiditätsengpass simulieren. Umsätze brechen ein, ein Kunde zahlt verspätet, Kosten steigen oder eine Finanzierung fällt aus. Der Unternehmer muss entscheiden. Danach analysieren wir seine Entscheidung.

Dasselbe lässt sich für Marketing, Verhandlungen, Personalprobleme und strategische Entscheidungen entwickeln.

Deliberate Practice

Anders Ericsson hat mit seiner Forschung zur Expertise wesentlich dazu beigetragen, die Bedeutung gezielten Übens herauszuarbeiten. Entscheidend ist nicht bloß Wiederholung. Wir müssen Schwachstellen identifizieren, gezielt daran arbeiten, Feedback bekommen und erneut üben.

Das passt perfekt zur Dōjō-Idee: Wir wollen nicht nur mehr über Unternehmertum wissen. Wir wollen einzelne unternehmerische Fähigkeiten gezielt trainieren.

Reflexion und Metakognition

Nach einer Entscheidung sollte das Training nicht enden. Warum habe ich so entschieden? Welche Annahme lag dahinter? Was habe ich übersehen? Welche Information hätte meine Entscheidung verändert? Was mache ich beim nächsten Durchgang anders?

Donald Schön beschrieb professionelle Praxis als einen Prozess, in dem Reflexion eine zentrale Rolle spielt. Für unser Dōjō bedeutet das: Wir trainieren nicht nur Entscheidungen, sondern zunehmend auch das Denken über das eigene Denken.

2027: Bücher, Software und Dōjō als ein Projekt

Heute haben wir diese Idee mit meinem Plan für das kommende Jahr verbunden. Mein Studium im Bereich Angewandte KI, die Entwicklung des Unternehmens-Dōjōs und meine Arbeit an Unternehmerthemen sollen keine getrennten Projekte sein.

Ich möchte systematisch herausarbeiten, welche Fähigkeiten ein guter Unternehmer braucht – nach den Standards, die sich aus meiner Erfahrung, Literatur und praktischen Tests ergeben.

Daraus sollen Bücher entstehen: zu Finanzen, Marketing, Positionierung und Strategie, Management sowie Systemen und Prozessen.

Parallel dazu testen wir die Software-Layer. Beim Finanz-Layer beispielsweise Buchhaltungs-, Reporting- und Finanzwerkzeuge. Beim Marketing-Layer müssen wir genauso herausfinden, welche Software, Datenquellen und KI-Werkzeuge tatsächlich helfen.

Damit entstehen drei Ebenen:

  • Die Bücher liefern Modelle, Grundlagen und Trainingswissen.

  • Die Software-Layer liefern Daten und Werkzeuge.

  • Das Dōjō schafft den Raum zum Anwenden, Üben und Reflektieren.

Die KI soll langfristig diese Ebenen miteinander verbinden.

Und dann haben wir den Dōjō-Modus ausprobiert

Heute Morgen wollte ich genau diesen Dōjō-Modus erstmals bewusst verwenden.

Und er hat nicht so funktioniert, wie ich ihn mir vorgestellt habe.

Ich wollte frei über meinen Plan für das kommende Jahr nachdenken. Ideen aussprechen, Verbindungen herstellen und Gedanken entwickeln, die noch nicht fertig waren.

Die KI begann relativ schnell, Ziele zu konkretisieren und messbar zu machen. Das ist grundsätzlich eine brauchbare Coachingintervention.

Nur war es in diesem Moment die falsche.

Ich wollte noch nichts festlegen. Ich wollte zunächst denken.

Vielleicht hätte ein guter Dōjō-Meister in diesem Moment nur zugehört, gespiegelt, gelegentlich einen Gedanken aufgenommen und mir Raum gegeben, den nächsten selbst zu entwickeln.

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Nicht die Methode macht den Meister. Die Auswahl und Dosierung der richtigen Methode zur richtigen Zeit macht den Meister.

Der Fehler ist Teil des Experiments

Genau deshalb ist der heutige Fehlschlag für mich interessant.

Wir haben keinen Mangel an Methoden. Wir werden aus den Büchern wahrscheinlich Dutzende Interventionen herausarbeiten können. Die schwierigere Frage lautet:

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Woher weiß die KI, welche Methode sie gerade einsetzen soll – und wann sie besser schweigt?

Das lässt sich vermutlich nicht mit einem einzigen Prompt lösen.

Wir müssen unsere tatsächlichen Dōjō-Sessions beobachten und dokumentieren:

Situation → vermuteter Bedarf → gewählte Methode → Intervention → Reaktion → Wirkung → Anpassung.

Damit wird jede gelungene und jede misslungene Session zu Trainingsmaterial.

Vielleicht besteht das Projekt 2027 deshalb nicht darin, ein fertiges Unternehmens-Dōjō zu präsentieren. Vielleicht besteht es zunächst darin, systematisch herauszufinden, wie ein solches Dōjō überhaupt funktionieren müsste.

Wir lesen. Wir schreiben. Wir bauen Bücher. Wir testen Software. Wir entwickeln Übungen. Wir simulieren Situationen. Und wir dokumentieren konsequent, was funktioniert und was nicht.

Heute haben wir bereits einen ersten brauchbaren Befund:

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Der Dōjō-Modus funktioniert noch nicht so, wie ich ihn mir vorstelle.

Das ist kein Grund, die Idee aufzugeben.

Es ist der erste Trainingsbefund.

Literatur und weiterführende Grundlagen

  • Ericsson, Anders & Pool, Robert (2016): Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Houghton Mifflin Harcourt.

  • Brown, Peter C.; Roediger, Henry L. III & McDaniel, Mark A. (2014): Make It Stick: The Science of Successful Learning. Harvard University Press.

  • Schön, Donald A. (1983): The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action. Basic Books.

  • Kahneman, Daniel (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux.

  • Whitmore, John (2017): Coaching for Performance. 5. Auflage, Nicholas Brealey.

Das Unternehmens-Dōjō ist für mich derzeit kein fertiges Produkt, sondern ein Experiment. Genau deshalb werde ich hier auch die Dinge dokumentieren, die noch nicht funktionieren.

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