Ich wollte eigentlich ein vollständiges Managementsystem bauen.
Balanced Scorecard. Finanzkennzahlen. Marketing. Lernen. Sport. Termine. Website. Newsletter. Vielleicht später sogar Szenarien und Wargames.
Die technische Versuchung ist groß: Man baut zuerst das Dashboard.
Ich glaube inzwischen, dass das der falsche Startpunkt ist.
Baue nicht zuerst das Dashboard. Baue zuerst das Messsystem.
Robert S. Kaplan und David P. Norton haben die Balanced Scorecard Anfang der 1990er-Jahre als Antwort auf ein Kernproblem entwickelt: Rein finanzielle Kennzahlen zeigen vor allem das Ergebnis bereits vergangener Entscheidungen. Deshalb ergänzten sie diese um Perspektiven wie Kunden, interne Prozesse sowie Lernen und Entwicklung. Genau dieser Gedanke ist für mich heute wieder zentral: Nicht nur Ergebnisse messen, sondern auch jene Aktivitäten, die Ergebnisse überhaupt erst möglich machen.
“What you measure is what you get.”
Die Konsequenz daraus ist für mich aber nicht, sofort vier Perspektiven mit jeweils zehn Kennzahlen aufzubauen.
Im Gegenteil.
Wenn ich mein eigenes Unternehmer-System aufbaue, möchte ich zunächst nur das messen, was ohnehin bereits passiert.
Der erste KPI ist überraschend banal
Ich veröffentliche regelmäßig Artikel.
Natürlich könnte ich sofort Reichweite, Öffnungsrate, Klickrate, Conversion Rate, Website-Traffic und Abonnentenwachstum analysieren.
Aber im ersten Schritt interessiert mich etwas viel Einfacheres:
Habe ich heute einen Artikel veröffentlicht – ja oder nein?
Diese Kennzahl ist unspektakulär. Aber sie misst etwas, das ich unmittelbar beeinflussen kann.
Dasselbe gilt für Sport.
Meine Trainingseinheiten werden bereits über Polar in meinen Google Kalender übertragen. Damit lässt sich ebenfalls zunächst nur eine sehr einfache Frage beantworten:
Habe ich heute trainiert – ja oder nein?
Erst später kommen Dauer, Intensität, Wochenvolumen oder Trainingsarten dazu.
Outcome-KPIs und Practice-KPIs
Ich unterscheide deshalb für mein System zunehmend zwischen zwei Arten von Kennzahlen.
Outcome-KPIs zeigen Ergebnisse: Umsatz, Gewinn, neue Abonnenten, Website-Besucher oder Leads.
Practice-KPIs zeigen, ob ich die notwendigen Wiederholungen tatsächlich gemacht habe: geschrieben, trainiert, gelernt, Kunden kontaktiert, Prozesse verbessert.
Der Begriff „Practice-KPI“ ist meine eigene Arbeitsbezeichnung. Inhaltlich passt er aber gut zu dem, was James Clear über Systeme und Gewohnheiten beschreibt: Ziele geben eine Richtung vor, Systeme erzeugen den Fortschritt.
“Goals are good for setting a direction, but systems are best for making progress.”
Gerade am Anfang sind diese Practice-KPIs oft wertvoller als große Ergebniskennzahlen.
Wenn ein Newsletter noch klein ist, kann die Veränderung der Abonnentenzahl von einem Tag auf den nächsten fast bedeutungslos sein. Ob ich hingegen konsequent veröffentliche, kann ich unmittelbar steuern.
Der Google Kalender als Activity Ledger
Auch bei der Datenspeicherung möchte ich nicht komplizierter starten als notwendig.
Der Google Kalender ist ohnehin vorhanden. Veröffentlichte Artikel stehen dort. Trainingseinheiten stehen dort. Termine stehen dort.
Damit wird der Kalender vorerst zu einer Art Activity Ledger: einer chronologischen Aufzeichnung dessen, was tatsächlich stattgefunden hat.
Das ist noch keine perfekte Datenbank. Aber für Version 0.1 meines Managementsystems reicht es.
Ich kann daraus Fragen ableiten:
Wie viele Artikel habe ich diesen Monat veröffentlicht?
An welchen Tagen habe ich meinen Mindeststandard nicht erfüllt?
Wie regelmäßig habe ich trainiert?
Wo entstehen Lücken?
Erst wenn diese Fragen mit dem Kalender nicht mehr sinnvoll beantwortet werden können, brauche ich eine zusätzliche Datenbank oder ein eigenes Dashboard.
Die Systeme bleiben Spezialisten
Ein weiterer Punkt wird mir dabei immer wichtiger: Ich möchte nicht alles in ein einziges Tool pressen.
Beehiiv bleibt für Newsletter und Website zuständig. Polar bleibt mein Trainingssystem. Ein Buchhaltungssystem liefert später die Finanzdaten. Google Analytics kann bei Bedarf zusätzliche Website-Daten liefern.
Diese Systeme sind die operativen Spezialisten.
Die KI bildet darüber die Managementebene.
Sie muss nicht jede operative Funktion selbst übernehmen. Sie muss die Informationen zusammenführen, Zusammenhänge erkennen und mit mir diskutieren.
Genau hier sehe ich die eigentliche Stärke von Co-Intelligence. Ethan Mollick beschreibt KI nicht nur als Werkzeug zur Automatisierung, sondern als neuen Partner für Arbeit, Lernen und Entscheidungsprozesse. Für mein Managementsystem bedeutet das: Die KI ist nicht die Buchhaltung, nicht das Newsletter-System und nicht der Kalender. Sie ist der Sparringspartner, der mit diesen Informationen arbeitet.
Vom Dashboard zum Managementgespräch
Das Ziel ist deshalb nicht primär ein schöner Bildschirm.
Das Ziel ist ein gutes Managementgespräch.
Zum Beispiel am Morgen:
Was ist gestern passiert?
Habe ich meine Mindeststandards eingehalten?
Wo gibt es Abweichungen?
Welche Entwicklung erkenne ich über mehrere Wochen?
Wo sollte ich heute eingreifen?
Erst dann wird aus Daten tatsächlich Unternehmenssteuerung.
Das passt zu meinem Dōjō-Gedanken
Ich habe in den vergangenen Wochen viel über das Unternehmer-Dōjō nachgedacht.
Ein Dōjō ist kein Ort, an dem man theoretisch über Leistung spricht. Es ist ein Ort, an dem man übt.
Das Managementsystem ist für mich die Mess- und Reflexionsebene dieses Dōjō.
Das Dōjō liefert die Wiederholungen.
Die Scorecard macht die Wiederholungen sichtbar.
Die KI hilft bei der Reflexion.
Und ein Mentor oder Experte kann später eingreifen, wenn es notwendig ist.
Damit entsteht nicht einfach ein weiteres Dashboard. Es entsteht ein Trainingssystem für Unternehmertum.
Der entscheidende Punkt: klein beginnen
Ich glaube, dass viele Digitalisierungsprojekte scheitern, weil sie mit der perfekten Zielarchitektur beginnen.
Ich möchte es anders machen.
Heute reichen mir vielleicht drei Fragen:
Artikel veröffentlicht?
Sport gemacht?
Wie viele Abonnenten habe ich?
Später kommen Finanzdaten dazu. Danach vielleicht Website-Traffic, Vertriebsaktivitäten oder Lernzeiten.
Aber jede zusätzliche Kennzahl muss eine konkrete Managementfrage beantworten.
Sonst entsteht nur Management-Theater.
James Clear formuliert den Kern des Systems sehr prägnant:
“You do not rise to the level of your goals. You fall to the level of your systems.”
Vielleicht ist genau das die richtige Logik für ein persönliches Managementsystem:
Nicht zuerst alles messen, was theoretisch messbar wäre.
Sondern zuerst sichtbar machen, ob das eigene System tatsächlich läuft.
Literatur und weiterführende Quellen
Kaplan, Robert S.; Norton, David P. (1992): The Balanced Scorecard—Measures That Drive Performance. Harvard Business Review, January–February 1992. https://hbr.org/1992/01/the-balanced-scorecard-measures-that-drive-performance-2
Kaplan, Robert S.; Norton, David P. (1996): The Balanced Scorecard: Translating Strategy into Action. Harvard Business School Press.
Clear, James: Forget About Setting Goals. Focus on This Instead. https://jamesclear.com/goals-systems
Clear, James (2018): Atomic Habits. Avery.
Mollick, Ethan (2024): Co-Intelligence: Living and Working with AI. Portfolio / Penguin.
