Ich habe in den vergangenen Tagen viel darüber nachgedacht, wie Meisterschaft eigentlich entsteht. Nicht abstrakt, sondern ganz praktisch: Wo üben wir eigentlich?

Ein Handwerker arbeitet beim Kunden. Ein Unternehmer arbeitet in seiner Firma. Ein Schüler sitzt im Unterricht. Ein Wissensarbeiter sitzt vor seinem Computer. Aber Arbeit, Unterricht und Alltag sind noch kein gezieltes Training.

Genau hier gefällt mir ein Begriff aus den japanischen Kampfkünsten: das Dōjō. Wörtlich ist es der „Ort des Weges“ – der Raum, in dem geübt wird.

❝

Wer Meisterschaft erreichen will, braucht einen Ort, an dem er nicht nur arbeitet, sondern bewusst übt.

Und dieser Ort muss zum Ziel passen.

Arbeiten ist nicht dasselbe wie Üben

Das ist für mich der Ausgangspunkt. Wer zehn Jahre lang dieselbe Tätigkeit ausführt, hat zehn Jahre Erfahrung. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass er zehn Jahre lang systematisch besser geworden ist.

Anders Ericsson hat mit seiner Forschung zur deliberate practice genau diesen Unterschied herausgearbeitet: Spitzenleistung entsteht nicht einfach durch Wiederholung. Entscheidend sind klar definierte Teilfähigkeiten, anspruchsvolle Übungen, Feedback und wiederholte Korrektur.

Der reale Auftrag ist dafür oft eine schlechte Trainingsumgebung. Beim Kunden muss das Ergebnis funktionieren. Bei einer Prüfung muss ich liefern. Im Unternehmen muss eine Entscheidung getroffen werden.

Im Dōjō dagegen darf ich scheitern. Mehr noch: Dort soll ich an die Grenze meiner aktuellen Fähigkeiten gehen.

Das Dōjō wird vom Trainingsziel rückwärts konstruiert

Deshalb würde ich nicht fragen: „Welchen Raum habe ich zur Verfügung?“ Die bessere Reihenfolge lautet:

Welche Fähigkeit möchte ich beherrschen? → Welche Übungen entwickeln diese Fähigkeit? → Welche Umgebung brauche ich dafür?

Ein Maler, der venezianische Spachteltechniken perfektionieren möchte, braucht keine große Halle. Einige unterschiedliche Übungsflächen, gutes Licht, Materialien und Werkzeug können reichen.

Ein Installateur braucht andere Übungsaufbauten: Leitungen, Armaturen, Pumpen, Abflüsse oder simulierte Fehlerbilder.

Ein Schüler braucht Schulbuch, Papier, Whiteboard und Computer.

Und ein Unternehmer braucht vielleicht sogar zwei Dōjōs.

Das Handwerks-Dōjō

Das erste Dōjō dient der fachlichen Meisterschaft. Hier wird montiert, zerlegt, gespachtelt, repariert, ausprobiert und wiederholt.

Aber eine Werkstatt voller Werkzeug ist noch kein Dōjō. Auch hier brauche ich einen vollständigen Lernkreislauf.

Deshalb gehören für mich selbst in ein Handwerks-Dōjō Whiteboard oder Flipchart. Dort kann ich einen Aufbau skizzieren, Arbeitsschritte festlegen, Qualitätskriterien notieren oder nach einer Übung dokumentieren, was nicht funktioniert hat.

Das praktische Dōjō braucht damit sowohl eine analoge als auch eine digitale Ebene.

Analog: Whiteboard, Flipchart, Papier, Skizzen und Arbeitsunterlagen.

Digital: Laptop oder PC, Bildschirm, Kamera und Mikrofon. Je nach Tätigkeit können eine zweite Kameraperspektive oder später Smart Glasses sinnvoll sein.

Das Unternehmer-Dōjō

Ein hervorragender Installateur wird nicht automatisch ein hervorragender Unternehmer, indem er noch besser Rohre montiert.

Unternehmertum ist eine zweite Disziplin.

Hier müssen andere Fähigkeiten trainiert werden: Kunden gewinnen, Angebote kalkulieren, Preise argumentieren, verkaufen, Liquidität verstehen, Mitarbeiter führen, delegieren, Prozesse bauen und Entscheidungen unter Unsicherheit treffen.

Dafür braucht es ein anderes Dōjō. Vielleicht einen kleinen Raum mit Schreibtisch, großem Bildschirm, Laptop, Whiteboard, Flipchart, Kamera und Mikrofon.

Hier kann ich einen echten Unternehmensfall nehmen und daraus eine Übung machen: drei Angebote vergleichen, ein Preisgespräch simulieren, einen Prozess zeichnen oder eine Investitionsentscheidung durchspielen.

Die eigene Firma liefert das Fallmaterial. Das Dōjō schafft die Umgebung, in der ich daraus lernen kann.

Think – Do – Review

Ich würde deshalb jedes Dōjō funktional in drei Bereiche denken – unabhängig davon, ob dafür tatsächlich drei Räume vorhanden sind:

Think: verstehen, planen, skizzieren und erklären.

Do: die Fähigkeit tatsächlich ausführen.

Review: Ergebnis und Vorgehensweise analysieren und die nächste Verbesserung festlegen.

Ein kleiner Kellerraum kann alle drei Funktionen erfüllen. Entscheidend ist nicht die Größe. Entscheidend ist, dass der komplette Lernzyklus möglich ist.

Das moderne Dōjō ist analog und digital

Hier kommt für mich KI ins Spiel.

Ich möchte mein Dōjō heute von Anfang an so gestalten, dass Training dokumentierbar ist. Nicht aus Überwachungsinteresse, sondern weil Feedback Beobachtbarkeit braucht.

Beim Handwerker kann eine Kamera den gesamten Arbeitsablauf aufnehmen. Eine zweite Perspektive zeigt Details. Das fertige Werkstück wird fotografiert. Die wichtigsten Erkenntnisse stehen auf dem Whiteboard.

Beim Wissensarbeiter oder Unternehmer können Webcam, Mikrofon und Bildschirmaufzeichnung dieselbe Funktion erfüllen.

Damit entsteht eine einfache Schleife:

❝

PLAN → PRACTICE → CAPTURE → REVIEW → IMPROVE → REPEAT

Die KI ist dabei nicht das Dōjō. Sie ist Trainer, Sparringspartner und Analysewerkzeug innerhalb des Dōjō.

Sie kann Video, Bilder, Notizen und Ergebnisse gemeinsam betrachten. Sie kann Fragen stellen, Fehlerbilder suchen und den nächsten Trainingsschritt mitentwickeln.

Aber sie ersetzt nicht das Tun.

Das Whiteboard ist kein Zubehör

Je länger ich über dieses Konzept nachdenke, desto wichtiger erscheint mir das Whiteboard.

Denn Meisterschaft bedeutet nicht nur, etwas ausführen zu können. Ich sollte zunehmend verstehen, warum etwas funktioniert.

Ich kann deshalb nach einer Übung aufstehen und den Ablauf am Whiteboard erklären. Wo lag das Problem? Warum habe ich diesen Arbeitsschritt gewählt? Welche Alternative hätte es gegeben?

Beim Schüler funktioniert dasselbe Prinzip: Kann er mir die mathematische Idee ohne Hilfe am Whiteboard erklären?

Beim Unternehmer: Kann er erklären, warum ein Auftrag trotz Umsatz keinen ausreichenden Deckungsbeitrag liefert?

Das Whiteboard externalisiert Denken. Annie Murphy Paul beschreibt in The Extended Mind, wie wir unser Denken über das Gehirn hinaus auf Körper, Umgebung und andere Menschen ausdehnen. Genau das passiert hier: Der Raum wird Teil des Denkprozesses.

Dokumentieren – aber nicht alles sammeln

Eine Gefahr sehe ich allerdings: Nur weil Kameras, KI und Speicher billig werden, sollten wir nicht jede Minute unseres Lebens archivieren.

Ein Dōjō darf keine Überwachungsmaschine werden.

Vor einer Trainingseinheit sollte deshalb klar sein: Was trainiere ich? Was möchte ich beobachten? Welche Daten brauche ich dafür?

Danach reicht ein kompaktes Mastery Log: Trainingsziel, Übung, Ergebnis, erkannter Fehler, nächste Verbesserung – ergänzt um Video, Foto oder Dokument, wenn es einen Erkenntniswert hat.

Das Dōjō als Teil des Mastery Systems

Damit bekommt unser bisheriges Prinzip Learn. Apply. Prove It. eine räumliche Dimension.

Learn: Ich verstehe die Grundlage.

Apply: Ich trainiere sie im Dōjō.

Prove It: Ich kann sie reproduzierbar ausführen und dokumentieren.

Danach geht es zurück in die Realität: auf die Baustelle, in die Firma, zur Prüfung oder in die Präsentation.

Die Realität zeigt den nächsten Engpass. Und mit diesem Engpass gehe ich wieder zurück ins Dōjō.

❝

Realität → Dōjō → Realität.

Baue dein Dōjō

Vielleicht ist das eine der praktischsten Fragen, die man sich auf dem Weg zur Meisterschaft stellen kann:

Wo ist mein Dōjō?

Wo kann ich eine Fähigkeit trainieren, ohne gleichzeitig liefern zu müssen? Ist dieser Ort für genau diese Fähigkeit konstruiert? Kann ich dort denken, ausprobieren, dokumentieren und reflektieren? Habe ich analoge Werkzeuge wie Whiteboard und Flipchart genauso zur Verfügung wie digitale Werkzeuge, Kamera und KI?

Das Dōjō muss weder groß noch teuer sein. Für einen Maler kann ein Kellerraum reichen. Für einen Unternehmer vielleicht ein kleiner Arbeitsraum. Für einen Schüler ein bewusst eingerichteter Schreibtisch.

Aber der Raum muss eine Aufgabe erfüllen:

❝

Er muss richtiges Üben einfacher machen.

Denn Meisterschaft entsteht nicht dadurch, dass wir darauf hoffen, im Alltag irgendwann gut genug zu werden.

Wir müssen uns einen Ort bauen, an dem wir systematisch besser werden können.

Literatur

Ericsson, K. Anders / Pool, Robert (2016): Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Houghton Mifflin Harcourt.

Ericsson, K. Anders / Krampe, Ralf T. / Tesch-Römer, Clemens (1993): The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance. Psychological Review, 100(3), 363–406.

Paul, Annie Murphy (2021): The Extended Mind: The Power of Thinking Outside the Brain. Houghton Mifflin Harcourt.

Brown, Peter C. / Roediger III, Henry L. / McDaniel, Mark A. (2014): Make It Stick: The Science of Successful Learning. Harvard University Press.

Recommended for you

View all
caret-right